Kaum eine Logistik steht so unter Termindruck wie die der Formel 1: Zwischen zwei Rennwochenenden muss die komplette Ausrüstung rechtzeitig am nächsten Austragungsort bereitstehen. Ausgerechnet in diesem Umfeld hat DHL in der Saison 2026 zum ersten Mal die Schiene eingesetzt – einen Verkehrsträger, der lange als zu unflexibel für solche Abläufe galt.
Auf der Verbindung von Miami nach Montreal erreichten gut zwei Drittel der sonst per Lkw bewegten Fracht das Ziel stattdessen per Bahn. Damit beantwortet der Pilottest eine Frage, die weit über den Motorsport hinausweist: Lässt sich der Umstieg auf die Schiene mit engen Zeitfenstern vereinbaren?
Was umfasste das Pilotprojekt zwischen Miami und Montreal?
Über eine Distanz von fast 2.000 Kilometern brachte DHL 50 mit Rennausrüstung beladene Container von Florida nach Kanada – 46 davon im Format 40-Fuß-High-Cube, vier weitere als 20-Fuß-Variante. Dies entspricht einer Gesamt-Stellfläche von insgesamt 1148 Euro-Paletten. Statt über die Straße liefen rund 68 % der Fracht dieses Abschnitts über das Schienennetz.
Das Ergebnis: weniger Verkehr auf emissionsintensiveren Transportmitteln, ohne dass die straffe Taktung der Rennserie darunter litt. Dass sich beides verbinden lässt, war vor dem Test alles andere als gesichert – und macht den eigentlichen Mehrwert des Projekts aus.

Das Pilotprojekt im Überblick
| Strecke | Miami (Florida) → Montreal (Kanada) |
| Distanz | nahezu 2.000 km |
| Ladung | 50 Container (46 x 40-Fuß-High-Cube, 4 x 20-Fuß) |
| Anteil auf der Schiene | rund 68 % der Fracht des Abschnitts |
| Zeitraum | Saison 2026, Pilotbetrieb |
Wie sicherte DHL Termintreue und Ladungsschutz?
Jeder Container war mit Sensorik unterwegs: Tracking-Geräte erfassten den Standort in Echtzeit, Erschütterungssensoren registrierten Stöße und Vibrationen. So behielt das Team Transitzeiten, Handling und den Zustand der empfindlichen Ladung durchgehend im Blick – die Grundlage dafür, dass die Ausrüstung unbeschädigt und im Zeitplan ankam.
Aus den Messdaten zieht DHL nun Schlüsse für den möglichen Regelbetrieb. Sie fließen in die Bewertung operativer Kennzahlen und der Emissionsbilanz ein und helfen, gemeinsam mit der Formel 1 weitere Ansatzpunkte zur Senkung der Treibhausgasemissionen zu finden.
Die erfolgreiche Lieferung der gesamten Fracht in diesem Pilotprojekt belegt, dass die Schiene den anspruchsvollen Zeitplan der Formel 1 zuverlässig erfüllen und gleichzeitig zur Reduzierung von Emissionen beitragen kann. DHL und die Formel 1 entwickeln ihre Logistiklösungen kontinuierlich weiter, um den ökologischen Fußabdruck der Rennserie zu verringern und gleichzeitig die Grundlage für die Skalierung neuer Ansätze zu schaffen.
Paul Fowler
Head of Global Motorsports Logistics bei DHL Global Forwarding
Welche Rolle spielt die Schiene in der Klimastrategie von DHL?
DHL und die Formel 1 arbeiten seit mehr als zwei Jahrzehnten zusammen. Der Schienenpilot zahlt auf zwei Ziele ein, die beide Partner verfolgen: Die Rennserie strebt bis 2030 netto null Emissionen an, die DHL Group bis 2050.
Die Schiene reiht sich damit in ein Bündel von Maßnahmen ein, mit denen DHL die Emissionen im Formel-1-Kalender bereits über mehrere Verkehrsträger hinweg senkt:
- SAF in der Luftfracht: Auf ausgewählten Flugstrecken kommt Sustainable Aviation Fuel (SAF) zum Einsatz, bezogen über sogenannte Book-and-Claim-Modelle. Über den gesamten Lebenszyklus betrachtet entstehen damit bis zu 80 % weniger Treibhausgasemissionen als mit herkömmlichem Kerosin.
- Biokraftstoff-Lkw in Europa: Eine Flotte von mehr als 50 Fahrzeugen fährt mit Biokraftstoffen und senkt den Treibhausgasausstoß im Schnitt um 83 % gegenüber vergleichbaren Diesel-Lkw.
- Schlankere Touren: Eine eng am Rennkalender ausgerichtete Routenplanung und eine stärkere regionale Bündelung verkürzen die Transportwege und erhöhen die Auslastung über die gesamte Saison.
Wie könnte es nach 2026 weitergehen?
Für beide Partner belegt die Fahrt zwischen Miami und Montreal, dass die Schiene mehr ist als nur eine theoretische Option im Netzwerk. Entsprechend prüfen DHL und die Formel 1, den Schienenanteil in Nordamerika ab 2027 auszubauen.
Wie groß dieser Schritt wird, hängt an drei Punkten: dem Zuschnitt des Rennkalenders, der praktischen Umsetzbarkeit vor Ort und den Auswertungen des diesjährigen Tests.
Was lässt sich auf die Straßenfracht übertragen?
Für Verlader und Logistikverantwortliche liegt der eigentliche Wert im Transfer auf das eigene Geschäft. Wenn ein Modal Shift – der Wechsel von der Straße auf einen anderen Verkehrsträger – schon unter den extremen Zeitvorgaben des Motorsports gelingt, dann liegt der Schluss für planbare, wiederkehrende Warenströme nahe. Der Hebel zur CO₂-Reduktion liegt häufig nicht in einer neuen Technologie, sondern in der durchdachten Kombination vorhandener Verkehrsträger.
Diesen Weg geht auch DHL Freight im Straßengüterverkehr – über intermodale Transportlösungen ebenso wie über GoGreen Plus, das transportbedingte Emissionen per Insetting reduziert.
Ein etablierter Verkehrsträger in neuer Rolle
Der Schienenpilot in Nordamerika rückt eine lange feste Annahme zurecht: dass zeitkritische Hochleistungslogistik und der Umstieg auf die Schiene nicht zusammenpassen. Unter realen Bedingungen einer laufenden Saison hat DHL das Gegenteil bewiesen – mit vollständig zugestellter Fracht und eingehaltenem Zeitplan.
Das Unternehmen gewinnt damit nicht nur einen weiteren Baustein für seine Netto-Null-Ziele, sondern auch belastbare Erfahrungswerte für künftige Relationen. Die nächste Bewährungsprobe folgt ab 2027.