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Ende der Eiszeit

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Tauwetter in den eingefrorenen Wirtschaftsbeziehungen mit dem Iran. Die Lockerung der Sanktionen sorgt für Aufbruchstimmung in der Wirtschaft.

Mit einem breiten Lachen trat er vor die internationale Presse. Gut gelaunt verkündete der iranische Außenminister Anfang des Jahres in Wien das Ende der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran. Die Nachricht sorgt auch bei vielen Unternehmen für gute Stimmung. Der Iran ist ein vielversprechender Markt mit rund 80 Millionen Einwohnern. Und der Nachholbedarf ist groß. Bis zur islamischen Revolution 1979 war der Iran ein wichtiger Partner der westlichen Industrienationen. Dann kühlten die Bande merklich ab, die Wirtschaftsbeziehungen waren stark eingeschränkt – in den vergangen zehn Jahren sogar komplett unterbrochen.

Jetzt fallen Beschränkungen beim Zahlungs-und Kapitalverkehr, Investitionen und Lieferungen rund um Erdöl, Erdgas und Petrochemie kommen wieder in Gang. Sogar einige Dual-Use-Güter, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, sind wieder genehmigungsfähig. Sanktionsfrei ist zudem ab sofort die Schiffsausrüstung. Ein wichtiger direkter Impuls für die Transportbranche. In den nächsten Jahren sollen sukzessive alle Handelshemmnisse fallen.

Es herrscht Aufbruchstimmung. Denn der Iran hat viel Potenzial: Er verfügt über die zweitgrößten Erdgas- und die viertgrößten Erdölreserven der Welt. Die Regierung plant bis 2021 die Petrochemiekapazität auf 120 Millionen Tonnen zu verdoppeln. Dafür sind neue Maschinen und Anlagen in Milliardenhöhe notwendig. Investitionen stehen in vielen Bereichen an. Agrarwirtschaft, Baustoffe, Energietechnik, Fahrzeug- und Maschinenbau, Umwelttechnik, Wasser- und Abwassermanagement sowie der Gesundheitssektor sind nur einige davon. Auf 185 Milliarden Euro beziffert die iranische Regierung die Investitionsoffensive des Landes. Insgesamt rechnet der Iran mit einem Investitionsbedarf bis 2023 von etwa 1.000 Milliarden US-Dollar. Davon sollen ausländische Investitionen ein Drittel decken.

Zudem ist der Iran ein großer Markt für Konsumgüter. Mit 80 Millionen Einwohnern gehört der Golfstaat zu den zwanzig bevölkerungsreichsten Ländern der Welt. Die Bürger sind überwiegend gut ausgebildet und jung. Fast ein Viertel ist 14 Jahre und jünger. Viele Menschen waren vor der Sanktionsphase an einen wesentlich höheren Lebensstandard gewöhnt und sind gegenüber hochwertigen Markenprodukten aufgeschlossen. Die Studie des Kreditversicherers Euler Hermes „Iran – back in the game“ geht davon aus, dass das Land einen wichtigen neuen Markt für Konsumprodukte darstellt. Aktuell herrscht dagegen ein Mangel an vielem. Deshalb steht zunächst einmal die Deckung der Grundbedürfnisse auf der Agenda – also Lebensmittel, Pharmaerzeugnisse und Waren des täglichen Bedarfs. Im zweiten Schritt werden die Verbraucher dann größere Anschaffungen wie hochwertige Haushaltsgeräte oder auch Autos angehen.

All dies muss ins Land kommen. Die iranische Regierung will deshalb auch in die Infrastruktur investieren. Noch vor der Modernisierung der Ölanlagen stehen Schienenwege und Flughäfen auf dem Plan. Es gibt bereits Abkommen mit französischen Eisenbahngesellschaften über eine Zusammenarbeit bei der Modernisierung und dem Betrieb von Bahnhöfen. In der Luft geht es ebenfalls voran: Airbus hat beispielsweise an Iran Air 118 Passagierflugzeuge verkauft.

Potenzial liegt auch auf der Straße: Dr. Wolfgang Bernhard, Chef von Daimler-Trucks & Busses sieht für seine Schwerlast-Lkw Potenzial im Ölland. Das Unternehmen hat daher schon Kooperationsabkommen unterzeichnet und plant weitere Joint Ventures. „Für einen Logistiker wie DHL birgt die neue politische Lage genauso gute Chancen. So scheinen Transportrouten über den Balkan und die Türkei in die regionale Mittelmacht am geeignetsten. Insbesondere unser Terminal in Istanbul dient als Kompetenzzentrum für Frachten aus ganz Europa“, sagt Selcuk Boztepe, Managing Director South Eastern Europe DHL.

Bei allem Tauwetter bestehen nach wie vor Glatteis-Bereiche mit Rutschgefahren für das Irangeschäft:

  • Politik: Hält der Iran seine Zusagen nicht, können die Sanktionen schnell wieder in Kraft treten.
  • Transparenz: Die Bürokratie kann ein Hindernis bei Geschäftsanbahnungen sein, zudem sind Unternehmensdaten oft nicht in ausreichendem Maße öffentlich zugänglich.
  • Finanzen: Im Iran fehlen viele Finanzdienstleistungen. Eine Akkreditivabwicklung über iranische Geldinstitute ist kaum möglich. Internationale Banken halten sich bei Exportfinanzierungen zurück.

Beim Marktzugang werden also von allen Akteuren genaues Hinsehen und ein schrittweises Vorgehen gefordert sein. Dies verhindert auch bei Tauwetter nasse Füße.

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