Lösungen

Ein Jahr Corona: „Geht nicht, gibt’s nicht“

Kaum ein Sektor leidet so sehr unter den Folgen der Corona-Pandemie wie die Messe- und Veranstaltungsbranche. Johnny Primerano, Head of Scenic & Events bei DHL Global Event Logistics, eine Geschäftseinheit von DHL Freight, machte aus der Not eine Tugend. Er erschuf mit seinem Team die „Digital World of DHL Global Event Logistics“.

Johnny Primerano liebt Herausforderungen. Er kann Geschichten erzählen von Türen in Nizza, die zu schmal waren für die angelieferten Transportcases, von strömendem Regen in Boston, der auf empfindliches Equipment zu prasseln drohte, und von Ladezonen in Portugal, die von der örtlichen Polizei gesichert werden mussten.

Als Johnny mir in seinem Büro in Köln Gremberghoven gegenübersitzt und von seinen Erlebnissen erzählt, sind es nicht bloß seine Worte, die mich mitreißen. Es sind auch die energischen Handbewegungen und die eindringlichen Blicke, mit denen der gebürtige Italiener mich in seinen Bann zieht. Die kniffeligen Momente haben für Johnny offenbar eine besondere Bedeutung. „Wenn jemand der Meinung ist, dass etwas nicht geht, spornt mich das umso mehr an“, sagt er.

Aber was tun, wenn ein Virus die Welt dazu zwingt, Abstand zu halten und plötzlich die Quintessenz jeder Veranstaltung – das ungezwungene Zusammenkommen von Menschen – zum No-Go wird?

Johnny Primerano ist ein Mann der Tat. „Ich treffe im Beruf immer wieder auf Personen, die meinen, dass bestimmte Dinge nicht möglich wären. Aber egal was es war, bisher hat immer alles funktioniert“, sagt er. (Bild: Cornelis Gollhardt)

Alles umsonst

Donnerstag, 27. Februar 2020. In den Auftragsbüchern von DHL Global Event Logistics findet sich kaum ein freier Termin, bis in den späten Juni hinein sind Veranstaltungen geplant. In Long Beach, Kalifornien, gut 9.000 Kilometer weit weg von Köln, stecken Johnny und sein Team gerade mitten in den Vorbereitungen für die TPM-Konferenz, dem weltweit größten Kongress für Containerschifffahrt. „Wir sind am Freitagabend angekommen, am Samstag stand dann die Besichtigung der Location an“, erinnert sich Johnny. „Damals breitete sich in Deutschland gerade die erste Angstwelle aus. Die Menschen begannen, die Flughäfen zu meiden.“ Vorab hatte sich Johnny deshalb über die Situation vor Ort informiert. Seine Frau arbeitet als Controllerin bei einem Labordienstleister und gibt grünes Licht. Nur einen einzigen nachgewiesenen Coronafall gibt es Ende Februar im Bundesstaat Kalifornien.

Durch die gemeinsame Arbeit an den verschiedenen Produkten der „Digital World of DHL Global Event Logistics“ sind die Teams von Johnny Primerano (vorne links) und Patrick Aßelborn (zweite Person von links) in der Coronazeit zusammengewachsen. (Bild: Cornelis Gollhardt)

Es ist bereits alles fertig vorbereitet, als Johnny und sein Team am Vorabend der Veranstaltung die schlechte Nachricht erhalten: die TPM-Konferenz darf aufgrund von Corona nicht stattfinden.

Unverrichteter Dinge geht es wieder zurück nach Köln. Während Johnny die Ereignisse Revue passieren lässt, merke ich, dass auch die Enttäuschung von damals wieder hochkommt: „In so einer Veranstaltung steckt eine Menge Vorbereitung: die Planung und Erstellung des Sets, die Absprachen mit den Verantwortlichen vor Ort und der Transport des Equipments. Da ist eine Absage im letzten Moment einfach bitter.“

Zurück in Deutschland werden auch dort die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie mehr und mehr spürbar. Als nächstes großes Projekt steht das Top Executive Council (TEC) an, eine Veranstaltung die für die Kollegen von Brand Marketing des Corporate Centers durchgeführt wird. „Für die TEC lassen wir uns mit den Brand-Kollegen immer neue kreative Formate einfallen“. Doch auch hier: Eine Woche vor Beginn wird Corona-bedingt abgesagt. Eine herbe Enttäuschung.

„In diesem Moment ist mir bewusst geworden, dass es nicht bei diesen beiden Veranstaltungen bleiben würde und die Dinge bald nicht mehr so laufen würden wie gewohnt.“ Den Kopf in den Sand stecken? Das sei für ihn zu keiner Zeit eine Option gewesen, sagt er und schaut mir festen Blickes in die Augen. Ein Plan B muss her – und zwar möglichst schnell.

Eine grüne Lösung

Von seinem Büro aus folge ich Johnny in das Lager von DHL Global Event Logistics. Hier ragen Regale bis an die Hallendecke und mannshohe Pakete stehen auf dem Boden. In einer Ecke des Lagers entdecke ich die eigens für „Beethoven on Tour“ angefertigten Ausstellungsboxen, in einem der Regale die Elemente des Formel-E-Messestands. Mir wird bewusst: Die Welt der physischen Veranstaltungen ruht auf unbestimmte Zeit. Und dennoch sollte genau hier das Konzept gegen die Veranstaltungsflaute seinen Anfang nehmen.

Johnny bleibt stehen und zeigt auf eine Reihe gestapelter Kartons: „An dieser Stelle habe ich Anfang März letztes Jahr die ersten Versuche gestartet – mit einem simplen, grünen Papierstück, drei Meter mal sieben Meter groß.“ Vor dem einheitlich grünen Hintergrund, dem sogenannten Greenscreen, lassen sich Personen freistellen und vor jede beliebige Umgebung montieren. „Wir mussten die Oberlichter auf dem Dach zukleben, denn jeder Schatten, der auf dem Greenscreen entsteht, ist später auch im Bild zu sehen“, sagt Johnny. Einen ganzen Tag lang war das Team hier im März damit beschäftigt, die richtigen Lichtverhältnisse herzustellen.

Wie Magie

Nach den ersten Versuchen mit der großen grünen Papierrolle folgt in den darauffolgenden zwei Wochen eine neue Idee nach der anderen. Innerhalb kürzester Zeit entsteht eine ganze Palette digitaler Veranstaltungslösungen: Ob fotorealistische Tour, virtuelle Tour oder digitales Studio – den Wünschen der Kunden sind kaum Grenzen gesetzt, denn statische Hindernisse sind Schnee von gestern. Auch ein Name für die neue Produktreihe ist schnell gefunden: „Digital World“.

Während die Zeichner aus Johnnys Team für die grafische Umsetzung der Produkte zuständig sind, treibt das Team von Patrick Aßelborn, Head of Media & Event Technology bei DHL Global Event Logistics,die Konzeption voran. „Noch bevor die Produkte im Detail fertig entwickelt waren, haben wir überlegt, wie wir sie vermarkten können“, erzählt Johnny. „Begehbare, digitale Messestände zum Beispiel gab es vorher auch schon. Deshalb haben wir uns schlau gemacht und überlegt, wie wir uns mit unserem Produkt abgrenzen können.“ Ein Ergebnis ist die Kombination aus virtueller Tour und Greenscreen.

Sehr schnell wird man auch im Corporate Center auf das Produkt Green Screen aufmerksam. Dass es bereits eine Einheit im Konzern gibt, die sich parallel damit beschäftigt hat, ist ein Glücksfall. Sie sind sich einig, dass dies die nächste Stufe im Event Management von DPDHL ist und beschließen gemeinsam den Bau einer Green Box im Tower – ein Greenscreen im Großformat. Unter dem Motto „We are One“, was auch das Motto der TEC war, sind alle innerhalb weniger Wochen startklar und können mit dem ersten Dreh beginnen. So wird schließlich die Live-Darstellung von Menschen in einer vollständig virtuellen Umgebung möglich. Besonders stolz ist Johnny auf die selbst entwickelte Streamingseite, die mit einer außergewöhnlich geringen Latenz von nur drei bis vier Sekunden läuft. Ich frage, wie das technisch gelöst wird. „Berufsgeheimnis“, erwidert Patrick mit einem Augenzwinkern.

Alles Handarbeit

Die im Lager in Köln gesammelten Erfahrungen werden beim Bau des Digitalen Studios im Innovation Center und der Greenbox im Post Tower (Konzernzentrale) – einem Greenscreen im Großformat – in die Praxis umgesetzt. Viele der Holzelemente, die für die Konstruktion benötigt werden, entstehen übrigens in der hauseigenen Werkstatt in Köln. „Nach und nach habe ich unsere Werkstatt mit mehr Equipment ausgestattet, weil ich es wichtig finde, unabhängig zu sein“, sagt Johnny.

Green box in DPDHL Zentrale in Bonn

Premiere mit Frank Appel

Nur etwas mehr als zwei Monate vergehen, bis die Greenbox im Post Tower einsatzbereit ist. Für den ersten Livedreh im Mai, der Virtual Roadshow Schweden von Frank Appel, läuft alles reibungslos – auch wenn Johnny selbst nicht vor Ort sein kann. Seitdem hat sich eine ganze Menge getan: Die Greenbox im Tower ist mittlerweile fernsehreif.

Auch die Auslastung des wandelbaren Raumes spricht für sich: Inzwischen gehen bei Global Event Logistics so viele Anfragen für das Produkt ein, dass es zeitweise zu Engpässen kommt. Daher hat sich das Global Event Logistics Team im vergangenen halben Jahr um vier weitere Kolleginnen und Kollegen vergrößert.

Neuer Geschäftszweig

Als Johnny mir später wieder im seinem Büro gegenübersitzt und die unterschiedlichen Produkte aufzählt, die seit der Corona-Krise entstanden sind, reichen seine zehn Finger kaum aus. Ein wenig mehr als ein Drittel des Geschäfts, schätzt er, wird die „Digital World“ neben den Bereichen Messebau und Medientechnik auf lange Sicht ausmachen.

Eine faszinierende und irgendwie ansteckende Mischung aus Zuversicht, Tatendrang und Perfektionismus ist es, die Johnny antreibt. Ich frage ihn, woher diese Einstellung kommt. „Ich war vier Jahre lang selbstständig. Und unter hundert Mitbewerbern fällst du nur auf, wenn du etwas möglich machst, was andere nicht möglich machen: Geht nicht, gibt’s nicht!“

Ein Wermutstropfen bleibt Johnny neben allem Tatendrang und Optimismus dennoch: „Was mir wirklich fehlt, sind das Reisen und das Organisieren der Veranstaltungen vor Ort“, sagt Johnny. Es sind die Geschichten um die Dinge wie die schmalen Türen, den prasselnden Regen und die ungünstig gelegenen Ladezonen, die durch COVID-19 auf der Strecke bleiben – die kleinen, aber feinen Herausforderungen, die für Johnny den besonderen Reiz des Eventalltags ausmachen.

Vorerst aber geht die Reise in digitalen Sphären weiter. Auch das hat seinen Charme.

Alles Wissenswerte zur "Digital World" finden Sie hier.

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