Kostenpunkt Kontrolle

Europa diskutiert über die zeitweise Aufhebung des Schengen-Abkommens – mit fatalen Folgen für die Wirtschaft

„An der Grenze bei Füssen bis zu zwei Stunden Wartezeit bei der Abfertigung“ – Sätze wie dieser zählten in den achtziger Jahren zum Standardrepertoire von Verkehrsdurchsagen im deutschen Rundfunk. Seit Inkrafttreten des Schengener Abkommens sollten sie eigentlich Geschichte sein. Und tatsächlich sind Staus an den europäischen Binnengrenzen in der Regel verkehrsbedingt. Aber die aktuelle Flüchtlingswelle und die inzwischen eingetretene Schließung der Balkanroute lassen befürchten, dass langes Anstehen an Grenzkontrollstellen und zeitintensive Lkw-Abfertigungen wieder Realität werden. Welche Auswirkungen hat das auf die Logistikbranche? Schießen die Frachtpreise durch den Mehraufwand durch die Decke? Brechen ganze Lieferketten zusammen?

Auf jeden Fall wird es teuer. Allein die dauerhafte Kontrolle der südlichen Grenzübergänge würde die österreichische Transportwirtschaft jeden Tag 8,5 Millionen Euro kosten. Das hat die Wirtschaftskammer Österreich, ausgehend von den langen Standzeiten vor der Abfertigung berechnet – denn die sind ja als normale Arbeitszeit zu bezahlen. Und diese Mehrkosten schlagen mit ziemlicher Sicherheit auf die Frachtraten durch.

Gesamtwirtschaftlich betrachtet zeichnet die deutsche Prognos AG ein noch düsteres Bild. Sie ermittelte im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung Wachstumsverluste zwischen 77 und 235 Milliarden Euro im Zeitraum bis 2025. Und das allein für die Bundesrepublik, EU-weit beziffert die Studie die BIP-Einbußen auf etwa 470 Milliarden Euro. Ein Horror-Szenario, wenig verwunderlich also, dass die Branche auf andere Lösungen hofft.

Wie sehr die Flüchtlingsproblematik bereits jetzt die Transportlogistik beeinträchtigt, zeigen Erfahrungen von DHL Freight aus Großbritannien: „Die Probleme am Ärmelkanalübergang Dover-Calais treffen Großbritannien sehr schwer. Viele Import-Lieferungen unserer Kunden werden erheblich verzögert. Trotzdem hat unser Team es geschafft, einen hohen Servicelevel und Verfügbarkeitsgrad der Fahrzeuge aufrecht zu halten. Weitere Nebeneffekte sind steigende Versicherungsbeiträge durch von Flüchtlingen an Ladung und Fahrzeugen verursachte Schäden. Außerdem kommen unsere Fahrer immer wieder in schwierige Situationen, wenn sie über den Kanal müssen“, fasst Niel Kinnear, Sales Director UK die Situation zusammen. Für den Fall der Fälle, nämlich eine komplette Schließung der Grenze Dover-Calais sind demnach bereits Notfallszenarien mit größeren Kunden abgesprochen. Europaweite Kontrollen machen hier sicherlich weitere Anpassungen notwendig.

Autor: Kai Ortmann

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