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Sicherer, effizienter und auch noch spritsparend – diese Vorteile verspricht die Platooning-Technologie. Ob künftig engfahrende Lkw-Kolonnen auf den Autobahnen zu sehen sind, ist aber nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem der Politik.

Die Fahrer dicht an dicht, geringer Abstand, den Windschatten des Vordermann ausnutzen – in der Tour de France ein ganz normales Bild. Rennradfahrer wissen eben um die Vorteile der Rudelbildung und fahren, von Ausreißern mal abgesehen, den größten Teil ihrer Etappe in der kompakten Gruppe. Dieselbe Taktik sollen zukünftig auch Lkw nutzen – allerdings mit elektronischer Unterstützung.

Platooning heißt das System der dichtauffahrenden Lkw-Kolonne. Auf zehn Meter kommen sich Laster auf der Autobahn dabei nahe. Neu ist die Technik nicht: Im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts „Safe Road Trains for the Environment“, kurz „Sartre“, werden schon seit einigen Jahren Techniken für das Fahren im Konvoi unter Führung eines Lkw entwickelt. Erste Tests auf der Straße gab es 2012 in Spanien.

Führungsfahrzeug gibt den Ton an

Damit es bei dem dichten Auffahren nicht zu Unfällen kommt, sind beim Platooning die Lkw mit GPS, Radar und WLAN sowie mit Assistenzsystemen für autonomes Fahren ausgestattet. Die Systeme kommunizieren während der Fahrt miteinander. Der erste Lkw ist das Führungsfahrzeug – er bestimmt Fahrtrichtung und Geschwindigkeit. Weicht er einem Hindernis aus, etwa einer Baustelle, folgen die anderen. Zugleich schafft die enge Kolonnenfahrt Platz. Drei Lkw mit Platooning-Technik benötigen im Verbund 80 Autobahnmeter. Das ist gerade einmal die Hälfte dessen, was normal fahrende Lkw unter Berücksichtigung der vorgeschriebenen Mindestabstände benötigen.

Der geringe Abstand der Fahrzeuge reduziert den Luftwiderstand. So kann Platooning den Spritverbrauch um bis zu zehn Prozent senken. Auch das Führungsfahrzeug profitiert, da sich am Heck kein Luftwirbel mehr bilden kann, der das Fahrzeug bremst. Quetscht sich ein anderes Auto in die Kolonne, nehmen das Fahrzeug davor und das dahinter automatisch einen Sicherheitsabstand ein.

Auch unter Sicherheitsaspekten birgt Platooning Vorteile: Ein computergesteuerter Lkw reagiert weit schneller als jeder Mensch das könnte. Das Platooning-System, das beispielsweise Daimler derzeit entwickelt, gibt Bremssignale binnen weniger als 0,1 Sekunden an Folgefahrzeuge weiter. Lkw-Fahrer schaffen in der Regel eine Reaktionszeit von 1,4 Sekunden – wenn sie sehr gut sind.

Politische Hürden

Damit das System optimal läuft, müssen zwei wesentliche Voraussetzungen erfüllt sein: Erstens brauchen die verbundenen Fahrzeuge eine ähnliche Motorleistung. Zweitens: Das Fahrzeug mit der höchsten Gesamtmasse sollte den Konvoi anführen, damit der Verbund auch in Steigungen eng zusammen bleibt.

Technisch sei Platooning bis 2020 europaweit möglich, sagen die Lkw-Hersteller. Die reine Machbarkeit ist aber nicht die einzige Hürde auf dem Weg zum Alltagseinsatz der Lastwagen-Verbunde. Denn die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind derzeit weder auf nationaler noch auf europäischer Ebene gegeben. Die Politik muss noch Weichen stellen und zum Beispiel die Straßenverkehrsordnung grenzübergreifend anpassen. Zudem kann es sein, dass die Bevölkerung die Platoons auf der Autobahn eher als Hindernis oder Bedrohung denn als Fortschritt einstuft. In einer Erhebung der Deutschen Verkehrs-Zeitung (DVZ) gehen fast 45 Prozent der befragten Logistikprofis davon aus, dass die Bürger eher Lang-Lkw als Lastzug-Kolonnen auf den Autobahnen akzeptieren würden.

[Foto: Scania]
[Foto: Scania]
Autor: Michael Wayand

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